MODUL 5

WAS IST SO BESCHÄMEND AN ÄLTEREN FRAUENKÖRPERN?

Konstruktionen, Repräsentationen und Wahrnehmungen des (älteren) weiblichen Körpers

Einleitung

Das Modul gibt einen Überblick darüber, wie Geschlechterrollen und Geschlechtsidentität konstruiert werden und wie sie die Darstellung älterer Frauen in den Medien und möglicherweise ihre Selbstwahrnehmung beeinflussen. Kulturelle Konstruktionen von Alter und Geschlecht können sich auf die Körperwahrnehmung auswirken. Als kulturelles Instrument spielen die Medien eine wichtige Rolle bei der Vermittlung und Verstärkung von Bildern, die dies beeinflussen können. Dementsprechend befasst sich dieses Modul mit den vielfältigen Möglichkeiten, wie ältere Frauen in den Medien marginalisiert werden und wie sie visueller Altersdiskriminierung ausgesetzt sind.

 

Das Modul in Kürze

Das Modul besteht aus drei Einheiten, gefolgt von Überprüfen Sie Ihr Verständnis und Referenzen.

Einheit 1. Soziale und kulturelle Konstruktion von (weiblichem) Geschlecht

Einheit 2. Körperbild und (Selbst-)Wahrnehmung

Einheit 3. Darstellungen des (älteren) weiblichen Körpers in den Medien: Visuelle Altersdiskriminierung und die doppelte Marginalisierung von älteren Frauen

Überprüfen Sie Ihr Verständnis. Sind die folgenden Aussagen WAHR oder FALSCH? 

Referenzen

Einheit 1. Soziale und kulturelle Konstruktion von (weiblichem) Gender

Wie bereits in anderen Kapiteln erörtert, bezieht sich Gender auf soziale Rollen, die auf dem biologischen Geschlecht basieren, das einer Person in der Gesellschaft zugewiesen wird. In den meisten Gesellschaften ist dies ein binäres System von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘. Personen, die sich damit nicht identifizieren oder nicht in diese Kategorien passen, werden als ‚nicht-binär‘ oder ‚gender-queer‘ bezeichnet.

 

Geschlechterrollen implizieren bestimmte Erwartungen an ein angemessenes und akzeptables Verhalten für einen Mann oder eine Frau. Oder, wie es das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen ausdrückt, sind Geschlechterrollen soziale und Verhaltensnormen, die innerhalb einer bestimmten Kultur weithin als sozial angemessen für Personen eines bestimmten Geschlechts angesehen werden (Gender Roles, 2021). Beispiele dafür, wie Geschlecht oder Geschlechterrollen das Verhalten beeinflussen, sind Kleidung, Berufe und Kinderbetreuung. Die Geschlechtsidentität hingegen beschreibt, wie sich eine Person in Bezug auf ihr Geschlecht identifiziert.

 

‚Weiblichkeit‘ bietet somit eine kulturelle Beschreibung dessen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, die von den eigenen Vorstellungen und Ideen einer Person stark abweichen kann. Kulturelle Geschlechterrollen können eine Person jedoch auch auf einer unbewussten Ebene beeinflussen. Die Darstellung von Frauen in den Medien, sowohl in fiktionalen als auch in nicht-fiktionalen Texten, wird nicht nur von diesen kulturellen Vorstellungen beeinflusst, sondern kann sie ihrerseits in hohem Maße beeinflussen. Deshalb ist Sichtbarkeit wichtig: Visuelle Darstellungen weiblicher Vielfalt sind ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung der Geschlechter.

Einheit 2. Körperbild und (Selbst-)Wahrnehmung

 

Geschlechterrollen sind untrennbar mit Darstellungen und Wahrnehmungen des Körpers verbunden. Gesellschaftliche Normen diktieren nicht nur das Verhalten, sondern auch, was einen ‚akzeptablen‘ Körper ausmacht. Im Allgemeinen wird in westlichen Gesellschaften die Jugend dem Alter vorgezogen—sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Es gibt jedoch eine Doppelmoral des Alterns: Forscher fanden heraus, dass in allen Altersgruppen sowohl Männer als auch Frauen mit zunehmendem Alter als weniger attraktiv angesehen werden, allerdings nicht in gleichem Maße. Frauen werden mit zunehmendem Alter auch als weniger weiblich angesehen, während die Männlichkeit älterer Männer als unverändert wahrgenommen wird (Deuisch et al.). Auch werden Frauen früher als Männer als ‚älter‘ angesehen. Je nach Kontext können ältere Frauen jedoch in Bezug auf die traditionellen Geschlechterrollen als Kümmerer und Versorgerinnen oder allgemein in sozialen Kontexten, die eine gewisse emotionale Wärme erfordern, tatsächlich positiver wahrgenommen werden als ältere Männer (Kornadt et al., 2013).

 

Kulturelle Konstruktionen von Alter und Geschlecht können das individuelle Körperbild beeinflussen, also die Art und Weise, wie man seinen eigenen Körper sieht und wahrnimmt. Da das Altern in vielerlei Hinsicht als negativer Prozess gesehen wird (d. h. Frauen werden mit dem Alter weniger attraktiv, sollten aber gemäß ihrer stereotypen Geschlechterrolle attraktiv—und damit jung—sein), kann sich das Körperbild für ältere Frauen negativ verändern. Eine extreme Form davon ist die Gerontophobie, eine starke Angst vor dem Älterwerden. Aber auch wenn man nicht unter Gerontophobie leidet, sind viele Menschen von Altersdiskriminierung betroffen. Altersdiskriminierung kann viele Formen annehmen und auf verschiedenen Ebenen auftreten. In Bezug auf das Körperbild äußert sie sich häufig in Form von Druck, auch im Alter (unmögliche) Schönheitsstandards zu erfüllen, und in negativen Stereotypen über ältere Menschen (Rocha & Terra, 2014, S. 258-259). 

 

Während Männer und Frauen gleichermaßen mit den Herausforderungen des Älterwerdens und der Veränderung des Körpers konfrontiert sind, sind Frauen von diesem Druck besonders betroffen. Das ins Bewusstsein zu rücken ist wichtig, denn ein negatives Körperbild kann sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit sowie das Wohlbefinden auswirken. Eine vielfältigere visuelle Darstellung von Frauen aller Altersgruppen könnte dazu beitragen.

Unit 3. Darstellungen des (älteren) weiblichen Körpers in den Medien: Visuelle Altersdiskriminierung und die doppelte Marginalisierung älterer Frauen

 

Im Allgemeinen kommen in den Medien mehr Männer als Frauen vor. In Filmen beispielsweise haben Männer größere und bedeutendere Rollen und mehr Redezeit zur Verfügung. Ihre körperliche Erscheinung wird weniger oft erwähnt. Selbst nach dem Aufkommen der Me Too-Bewegung bestehen erstaunlich wenige Filme den Bechdel-Test, bei dem geprüft wird, ob in einem Film mindestens zwei Frauen mit Namen vorkommen, die miteinander über etwas anderes als einen Mann sprechen.

 

Was die Darstellung älterer Frauen angeht, ist die Situation noch problematischer. Erstens gibt es eine Doppelmoral bei der Besetzung: Während männliche Schauspieler bis weit in die 40er und 50er Jahre hinein attraktive Hauptrollen besetzen können, sind Frauen über 40 nur selten in Hauptrollen oder überhaupt auf der Leinwand zu sehen (Butter, 2015). Die Körper jüngerer Frauen werden als attraktiv dargestellt, während ältere Frauenkörper im Grunde unsichtbar werden. Dies führt zu dem Eindruck, dass ältere Menschen und insbesondere ältere Frauen nicht würdig oder interessant genug sind, um auf dem Bildschirm zu erscheinen. Die schwedische Medienforscherin Maria Edström nennt dies eine „symbolische Vernichtung“ älterer Frauen.

 

Meist wird das Alter in den Medien als negativ dargestellt. Ältere Menschen werden als eine Belastung für die Gesellschaft abgebildet: ihre Gesundheit verschlechtert sich, ihre Kompetenzen nehmen ab. Edström argumentiert, dass in der Fernsehwerbung positive Bilder wie ‚die perfekten Großeltern‘, ‚der abenteuerlustige Golden Ager‘ oder ‚der produktive Golden Ager‘ durchaus auftauchen, stellt jedoch fest, dass diese Vorstellungen von ‚erfolgreichem Altern‘ und positiveren Darstellungen ebenfalls problematisch sein können, da sie zu einem noch größeren Druck führen, den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen.

 

Sowohl Männer als auch Frauen stehen von klein auf unter kulturellem Druck, sich den Geschlechterrollen anzupassen, doch mit zunehmendem Alter nehmen die Einschränkungen durch sie zu. Gleichzeitig nehmen die positiven Rollenvorbilder ab, da ältere Frauen in den Medien unsichtbar werden: Ältere Frauen werden in den Medien zum einen marginalisiert, weil sie weiblich sind und zum anderen weil sie alt oder älter sind. Frauen, die zusätzlich noch anderen marginalisierten Gruppen angehören (PoC, Behinderte, religiöse Minderheiten, etc.) sind noch weniger sichtbar. Die Darstellung in den Medien—nicht nur im Film, sondern auch im Fernsehen, in der Werbung, in der Literatur und in der Kunst—hat einen großen Einfluss darauf, wie eine Person wahrgenommen wird und wie sie sich selbst wahrnimmt.

 

Wenn ältere Frauen dargestellt werden, werden sie oft als übermächtige und kontrollierende Mutter, als brave Hausfrau oder als übersexualisierte ‚ältere Hexe‘ dargestellt, die ewig jung sein will. Diese Rollen verstärken den Eindruck, dass ältere Frauen für die Gesellschaft weniger wertvoll sind, weil sie weniger produktiv geworden sind, oder dass sie die Stabilität des (jungen und/oder männlichen) Establishments beeinträchtigen. Zwar gibt es eine Reihe älterer Frauenfiguren auf dem Bildschirm, die als unabhängige, erfolgreiche und sexuell aktive Frauen dargestellt werden, aber nur selten gehen diese Darstellungen tatsächlich über die oben genannten stereotypen Rollen hinaus: Frauen sind dann vor allem im privaten Bereich als Matriarchinnen relevant, werden trotz ihres Alters als sexuell attraktiv angesehen, oder fungieren in der Berufswelt als Bedrohung für das von Männern dominierte System (Chrisler 2007, 170-71).

 

Aber warum ist dies relevant? Die Darstellung in den Medien hat einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und das Selbstbild einer Person. Wenn ältere Frauen auf der Leinwand als unsichtbar, unsympathisch und unerwünscht dargestellt werden, hat das Auswirkungen darauf, wie ältere Frauen außerhalb der Leinwand (nicht) gesehen werden. Daher ist es nicht nur wichtig, sich kritisch mit der Darstellung älterer Frauen auseinanderzusetzen, sondern auch eine vielfältigere Darstellung von Alter, Geschlechterrollen und Weiblichkeit zu fördern. Wenn Sie Ihr eigenes Körperbild und Ihre Selbstwahrnehmung verbessern wollen, können Sie sich bewusst darum bemühen, Stereotype abzubauen. Versuchen Sie, realistischere Darstellungen älterer Menschen zu finden, und hinterfragen Sie die Art und Weise, wie die Mainstream-Medien ältere Frauen darstellen. Denken Sie daran, dass das, was Ihnen präsentiert wird, nicht das ist, was Sie als ‚normal‘ verstehen sollten: Älterwerden ist so individuell wie unsere Körper und unsere Persönlichkeiten.

Butter, S. (2015, Nov. 12). Mind the movie age gap: Hollywood has a habit of casting leading older men with 20-something women“. Evening Standard. 

https://www.standard.co.uk/lifestyle/london-life/mind-the-movie-age-gap-hollywood-has-a-habit-of-casting-leading-older-men-with-20something-women-a3111701.html

 

Chrisler, J. C. (2007). Body Image Issues of Women Over 50. In V. Muhlbauer & J. C. Chrisler (Eds.), Women Over 50: Psychological Perspectives (pp. 6–25). Springer US. https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-0-387-46341-4_2

 

Deuisch, F. M., et al. (1986). Is There a Double Standard of Aging? 1. Journal of Applied Social Psychology, 16(9), 771–785. https://doi.org/10.1111/j.1559-1816.1986.tb01167.x 

 

Edström, M. (2018). Visibility Patterns of Gendered Ageism in the Media Buzz: A Study of the Representation of Gender and Age over Three Decades. Feminist Media Studies, 18(1), 77–93. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14680777.2018.1409989

 

European Institute for Gender Equality. (2013). Review of the Implementation of the Beijing Platform for Action in the EU Member States: Women and the Media: Advancing Gender Equality in Decision Making in Media Organisations: Report. Publications Office. https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/b2197e33-02dc-4c92-80bc-917417dc7b31/language-en

 

Kornadt, A. E., et al. (2013). Multiple Standards of Aging: Gender-specific Age Stereotypes in Different Life Domains. European Journal of Ageing, 10(4), 335–344. https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10433-013-0281-9


Rocha, L. M., Terra, N. (2014). Body Image in Older Adults: A Review. Scientia Medica, 23(4), 255. https://revistaseletronicas.pucrs.br/ojs/index.php/scientiamedica/article/view/1980-6108.2013.4.15357

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