Geschichten aus Rumänien

SOFIA IONESCU-OGREZEANU 

(25. April 1920 – 21. März 2008)

Leistungen:

  • Die erste weibliche Neurochirurgin der Welt.
  • Erfinderin von hirnchirurgischen Techniken, die zu bahnbrechenden Erkenntnissen auf dem Gebiet der Neurochirurgie wurden. 
 

Sofia OGREZEANU wurde in Fălticeni, Suceava, im östlichen Teil Rumäniens geboren. Ihr Vater, Constantin Ogrezeanu, arbeitete als Bankangestellter. Ihre Mutter, Maria Șincai, eine Hausfrau, 25 Jahre jünger als ihr Vater, stammte aus der Bukowina, dem nördlichen Teil des Landes. Sofia bedeutet auf Griechisch „Weisheit“, ihr zweiter Name Gherghina ist ein Synonym für die Blume Dahlie. Beide Namen beschrieben Persönlichkeitsmerkmale, die sich in ihrem ganzen Leben manifestierten. 

Sie besuchte zunächst die Grundschule und dann das Gymnasium für Mädchen in ihrer Heimatstadt. Später fühlt sie sich in der Schule schlecht aufgehoben und bittet ihre Mutter, sie auf „die beste Schule, die es gibt“, zu schicken. So geht sie für die letzten zwei Jahre des Gymnasiums nach Bukarest und besucht die Zentralschule für Mädchen „Marica Brâncoveanu“. Als sie 13 Jahre ist, stirbt ihr Vater. Im Zuge dieses Verlustes entsteht eine besondere Nähe zu der Familie ihrer Schulkameradin und Freundin Aurelia Dumitriu, deren Vater Vasile Dumitriu „ein freundlicher Mensch und fürsorglicher Arzt“ war. Er wird für sie zu einem Vorbild und weckt ihr Interesse an einem Medizinstudium.

Angeregt durch ihr tiefes Mitgefühl für die Leiden der Menschen und durch ihre Überzeugung, dass sie ihnen helfen kann, möchte sie sich nach der Schule an der Fakultät für Humanmedizin in Bukarest bewerben, wird aber von ihrer Vormundschaftskommission (bestehend aus einem Rechtsanwalt, ihrer Mutter und anderen Verwandten) abgelehnt. Nach dem damaligen Gesetz hatten verwitwete Mütter nicht das volle Entscheidungsrecht über ihre Kinder. Ihre Mutter kämpft für den Wunsch ihrer Sofia und setzt sich schließlich durch, so dass sie 1939 doch ein Medizinstudium aufnimmt. Während des Krieges ist sie bereits sehr aktiv und kümmert sich um verwundete Soldaten in einem Kriegslazarett in ihrer Heimatstadt Fălticeni, macht ein Praktikum in der Augenheilkunde am Krankenhaus “Professor Doktor Cantacuzino” in Bukarest und arbeitet als Ärztin in einer ländlichen Klinik in Baia, Kreis Suceava.

Im November 1943 beginnt sie ein Praktikum in der Neurochirurgie des Krankenhauses Nr. 9 in Bukarest und tritt in das erste Team rumänischer Neurochirurgen ein, das von Professor Dr. Dimitrie Bagdasar – der als Begründer der rumänischen Neurochirurgie gilt – koordiniert wird. Die anderen Mitglieder des Teams waren Constantin Arseni und Ionel Ionescu, ihr späterer Ehemann.

1944, während des Zweiten Weltkriegs, wird ein Kind mit Kopfverletzungen von einem Bombenangriff in das Krankenhaus gebracht. Professor Bagdasar hat eine Handverletzung und kann die Operation nicht durchführen. Auch die anderen Teammitglieder haben Hindernisse, um die Operation durchzuführen. Da das Kind zu sterben droht, bietet Sofia, obwohl sie noch im fünften Studienjahr ist, an, die Operation durchzuführen. Dies verändert ihr Leben: Die erfolgreiche Operation überzeugt Professor Bagdasar von ihren Fähigkeiten und er lädt sie ein, im Team zu bleiben und sich auf Neurochirurgie zu spezialisieren. 

Im Januar 1945 macht sie ihren Abschluss in Medizin und heiratet ihren Kollegen Ionel Ionescu. In den folgenden Jahren arbeitet sie unermüdlich, um in einem von Männern dominierten Beruf erfolgreich zu sein: Bis 1989 gab es in Rumänien nur 8 Neurochirurginnen. Sie legt alle Prüfungen ab, um die höchste Auszeichnung im medizinischen Bereich zu erreichen, und wird zu einem der besten Köpfe auf ihrem Gebiet. 

Das große neurochirurgische Abenteuer, das 1944 begann, entwickelt sich zu einer 47-jährigen erfolgreichen Karriere. Sofia entwickelt sogar ihre eigenen chirurgischen Techniken, die später als bahnbrechende Erkenntnisse anerkannt werden.  Sie ist Autorin von über 120 wissenschaftlichen Artikeln, die in Fachzeitschriften auf der ganzen Welt veröffentlicht und wiederveröffentlicht wurden: Acta Chirurgica Belgica, Journal of Surgery, Neurology, Psychiatry, Neurosurgery, Revue Roumaine d’Endocrinologie. Doch die breite Anerkennung ihrer Verdienste kommt erst Jahre nach ihrer Pensionierung. Für ihren wertvollen Beitrag zur klinischen und wissenschaftlichen Entwicklung der Neurochirurgie in Rumänien und für die professionelle Unterstützung der Ausbildung von Neurochirurgie-Praktikanten wurde Dr. Sofia Ionescu 1997 zum Ehrenmitglied der Rumänischen Akademie der medizinischen Wissenschaften ernannt. Im Jahr 2005 wurde sie auf dem Internationalen Kongress der Neurochirurginnen als erste Neurochirurgin der Welt und für ihre innovative Arbeit ausgezeichnet.

Literatur und Quellen

https://www.eans.org/page/SofiaIonescu-Ogrezeanu-Bio

https://www.worldrecordacademy.org/medical/first-female-neurosurgeon-world-record-set-by-dr-sofia-ionescu-ogrezeanu-219471 

SARMIZA BILCESCU 

(27. April 1867 – 26. August 1935)

Leistungen:

  • Die erste europäische Frau, die eine Zulassung als Juristin erhielt
  • Die erste Frau der Welt mit einem Doktortitel in Rechtswissenschaften (von der Universität Paris)
  • Die erste europäische Frau, die jemals in eine Anwaltskammer aufgenommen wurde (ehemalige Anwaltskammer Ilfov, jetzt Anwaltskammer Bukarest in Rumänien)
  • Gründerin der „Gesellschaft für Junge Frauen in Rumänien“, einer der ersten feministischen Vereinigungen in Rumänien;
  • Mitglied in mehreren feministischen Vereinigungen auf der ganzen Welt

Sarmiza BILCESCU wurde in Bukarest in einer gut situierten Familie geboren. Ihr Vater, Dumitru Bilcescu, war Leiter der Finanzkontrolle, Mitbegründer der Rumänischen Nationalbank und ein enger Freund mehrerer prominenter rumänischer Politiker jener Zeit. Ihre Mutter, Maria Georgian, interessierte sich sehr für Kunst und Literatur und ermutigte ihre Tochter, eine höhere Ausbildung anzustreben. Beide Eltern waren von der Idee beseelt, die rumänischen Werte und die rumänische Identität zu bewahren und zu fördern, weshalb Sarmiza nach einer berühmten dakischen Festung, Sarmisegetuza, benannt wurde.

Miza, wie sie von ihrer Familie und engen Freunden genannt wurde, war in ihrer Kindheit ein Wildfang und verbrachte gerne Zeit im Freien. Dennoch erhält sie eine gute Ausbildung und schreibt sich im Alter von 17 Jahren ohne Schwierigkeiten an der Fakultät für Literatur der Universität Paris ein. Allerdings kehrt sie aber nur sechs Wochen später wegen einer Choleraepidemie, die zu dieser Zeit in Paris ausgebrochen war, nach Hause zurück. In dieser Zeit überredet ihr Vater sie, sich auf eine juristische Laufbahn zu konzentrieren, und so kehrt sie nach Paris zurück und beantragt die Aufnahme an der juristischen Fakultät. Obwohl in den Vereinigten Staaten von Amerika (Iowa) Frauen seit 1869 als Anwältinnen praktizieren dürfen, zögern Frankreich und ein großer Teil Europas noch, Frauen als gleichberechtigte Intellektuelle zu akzeptieren.

Im Dezember 1884 legt sie die Zulassungsprüfung an der juristischen Fakultät der Universität Sorbonne ab, und die Beratungen dauern zwei Wochen, da die Kommission befürchtet, die Hörsäle überwachen zu müssen. Als Sarmizas Mutter den Sekretär der juristischen Fakultät trifft, sagt sie zu ihm: „Ich komme aus dem fernen Ausland, aber dort wird nicht für das Recht der Frauen auf Bildung gestritten. Wie ist es möglich, mein Herr, dass Sie in einem Land, in dem sogar über den Gefängnistoren ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ steht, eine Frau daran hindern, eine Ausbildung zu machen?“. Schließlich wird Sarmiza zugelassen, aber der Kampf ist noch nicht vorbei: Nach der Zulassung wird sie von Professor Paul Sonday aufgefordert, den Hörsaal zu verlassen: „Keine Frauen! Die Wissenschaft wird von Männern gemacht!“. Einige Monate später wird sie vom Pförtner daran gehindert, das Universitätsgebäude zu betreten.

Das ändert sich erst, als sie ihre erste Prüfung hervorragend besteht. Sie wird sich später daran erinnern: „Von diesem Moment an nahmen die Professoren Rücksicht auf mich, wie es sonst nur der Elite vorbehalten ist!“ 1887 macht sie ihren Abschluss in Rechtswissenschaften und drei Jahre später, am 12. Juni 1890, im Alter von 23 Jahren, geht Sarmiza Bilcescu in die Geschichte ein und erlangt als erste Frau der Welt einen Doktortitel in Rechtswissenschaften. Zeitungen aus der ganzen Welt (Europa, Australien, Vereinigte Staaten von Amerika) berichteten über ihre Geschichte. Das Thema ihrer 506 Seiten umfassenden Doktorarbeit, in der sie sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Institution der Ehe und bei der Aufteilung der Rechte über ihre Kinder einsetzt, lautet „Die rechtliche Stellung der Mutter im rumänischen und französischen Recht“. 

Nach ihrer Rückkehr nach Rumänien im Herbst 1890 beantragt Sarmiza Bilcescu bei der Anwaltskammer des Kreises Ilfov, zu dem damals auch Bukarest gehörte, die Zulassung als Rechtsanwältin, die ihr vom Rat der Rechtsanwälte mit der Begründung erteilt wird, dass „dem Antrag der Antragstellerin auf Zulassung als Rechtsanwältin nichts entgegenstehe“. 

Vor ihr war es keiner Frau gelungen, eine Zulassung als Rechtsanwältin in Europa zu erhalten. Allerdings plädiert sie nie vor Gericht, da die Vorbehalte gegenüber einer Anwältin zu hoch sind, jedoch bietet sie jedem, der sie darum bittet, juristischen Rat an, manchmal sogar pro bono.  

Doch auch wenn sie nicht als Anwältin praktiziert, ist Sarmiza sehr aktiv und eine aktive Kämpferin für die Erhaltung des rumänischen Erbes und der kulturellen Traditionen und eine wichtige Förderin des Bildes von Rumänien im Ausland. Am 18. März 1894 gründet sie die „Gesellschaft für Junge Frauen in Rumänien“, die sich der Förderung der kulturellen Einheit des rumänischen Volkes widmet und der Förderung von Bildung für Frauen. Sie fördert die Einrichtung von Wohnheimen und Mensen für Jurastudent*innen, unterstützt aber auch andere Projekte im Bereich der Kindererziehung. Im Jahr 1909 gründet sie eine Schule, die noch heute den Namen ihres Vaters, Dumitru Bilcescu, trägt. Sie bietet armen Studenten, die im Ausland studieren wollen, Stipendien aus ihren eigenen Mitteln an. Sie ist Präsidentin der Föderation der Universitätsfrauen. Sie leitet mehrere Wohltätigkeitsbälle. Sie wurde zur Teilnahme an vielen feministischen Gesellschaften in der ganzen Welt eingeladen, wie dem Beirat der Frauenabteilung des Weltkongresses für Regierungsreform, der Königin-Isabella-Vereinigung, der Société des Amis de l’Université de Paris und dem Internationalen Kongress der Frauen. 

Sie stirbt 1935 an Septikämie, verursacht durch eine Leberinfektion. Auch wenn ihre Karriere als Anwältin nicht von Erfolg gekrönt war, gelang es ihr, sich für die Entwicklung des Gemeinwesens zu engagieren, und sie wurde zu einem Vorbild und Wegbereiterin für Frauen.

Literatur und Quellen

https://www.radioromaniacultural.ro/portret-sarmiza-bilcescu-prima-femeie-avocat-din-europa-si-prima-din-lume-cu-un-doctorat-in-drept/ 

https://www.forbes.ro/sarmiza-bilcescu-alimanisteanu-prima-femeie-doctor-drept-din-lume-si-o-feminista-desavarsita-84723 

https://leviathan.ro/sarmiza-bilcescu-prima-romanca-avocat/ 

https://ro.wikipedia.org/wiki/Sarmiza_Bilcescu-Alim%C4%83ni%C8%99teanu